Arbeiter in einer Mine im Kongo
© Fairphone

Interview: Faire Lieferketten in der Elektroindustrie

Mit den E-Autos verschmelzen Elektro- und Autoindustrie miteinander. Ein Interview mit Eva Gouwens, CEO von Fairphone, zeigt was die E-Autoindustrie von einem Smartphone-Hersteller zum Thema faire Lieferketten und ressourcenschonender Produktion lernen kann.

Seit über zehn Jahren versucht das niederländisches Unternehmen Fairphone die Elektroindustrie aufzumischen. Ihre Produkte sollen beweisen, dass es wirtschaftlich erfolgreich sein kann, wenn man sich mit elektrischen Geräten auch um das Wohlbefinden von Mensch und Planet kümmert. Fairphone-CEO Eva Gouwens möchte andere Hersteller inspirieren auch selbst Verantwortung zu übernehmen: „Wir wollen die Industrie positiv verändern.“

Fairphone CEO Eva Gouwens mit verschränkten Armen
Eva Gouwens möchte mit ihrem Unternehmen Fairphone andere Hersteller zu einer ähnlichen Arbeitsweise inspirieren. © Fairphone

Doch was bedeutet das konkret?

Eva Gouwens: Es heißt zuerst Mal, dass die Geräte länger halten müssen. Langlebigkeit schont die Ressourcen und den Planeten. Das zweite wichtige Element ist eine transparente und faire Lieferkette. Das bedeutet bessere Arbeitsbedingungen für die Menschen und die Verwendung von Materialien, die weniger Schaden anrichten.


Nehmen wir Mal die Langlebigkeit. Wie verbessert ihr das bei euren Produkten?

Eva Gouwens: Der wichtigste Punkt ist die Modularität. Wir haben ein Smartphone entwickelt, das die User:innen selbst reparieren und upgraden können. Das wird leider aktuell mehr und mehr zu einer Rarität auf dem Markt. Zusätzlich macht es die Modularität unserer Produkte einfacher, sie am Ende ihrer Lebenszeit zu recyceln. Und je länger wir Materialien verwenden können, desto weniger neues Material brauchen wir.

Ein auseinandergebautes Smartphone des Herstellers Fairphone
Mit einem einzigen Schraubenzieher lassen sich Fairphones zerlegen und wieder zusammenbauen. © Fairphone

Wie funktioniert das in der Praxis?

Eva Gouwens: Nehmen wir eine Situation, die vermutlich jeder und jede von uns schon einmal erlebt hat. Das Smartphone fällt auf den Boden und der Bildschirm geht dabei zu Bruch. Eigentlich müsste man jetzt nur den Bildschirm austauschen und nicht das gesamte Smartphone. Die CO²-Emissionen für die Herstellung eines Displays sind deutlich geringer als für ein komplettes Smartphone. Leider ist es heute oft der Fall, dass es finanziell günstiger ist, gleich ein neues Handy zu kaufen, statt es zu reparieren. Bei einem Fairphone kann man den Bildschirm als Ersatzteil kaufen und selbst wechseln. Das ist deutlich umweltfreundlicher und auch günstiger. (Auch interessant: Schauspieler Lenn Kudrjawizki konnte mit seinem E-Auto bereits über 30 Flüge vermeiden)

Faire Lieferketten aufbauen

Viele Menschen behalten ihre Smartphones nicht viel länger als zwei Jahre. Autos werden deutlich länger gefahren und repariert, bis sie verschrottet werden. Aber auch hier gibt es sicher Potenzial für Verbesserungen bei den Arbeitsbedingungen und der Transparenz der Lieferketten. Wie habt ihr Eure Lieferketten bei Fairphone aufgebaut?

Eva Gouwens: Ein Smartphone hat zwar nicht ganz so viele Teile wie ein Auto, aber immerhin auch schon über 1.200 Stück. Diese Teile und Materialien kommen aus der ganzen Welt. Für ein kleines soziales Unternehmen wie Fairphone ist es unmöglich für jedes Teil eine 100 Prozent transparente Lieferkette zu gewährleisten, deshalb haben wir Partnerschaften mit anderen Unternehmen und Organisationen geschlossen und unseren Fokus auf die Materialien gelegt, die einen sehr großen CO²-Fußabdruck haben oder bisher unter besonders schwierigen Bedingungen abgebaut wurden.

Welche sind das?

Eva Gouwens: Von den über 40 verschiedenen Materialien, die in einem Smartphone stecken, haben wir uns auf 14 fokussiert. Dazu gehören zum Beispiel Gold, Lithium und Kobalt, aber auch Plastik. Für jedes Material gibt es unterschiedliche Herausforderungen und Herangehensweisen. Bei Kunststoffen geht es vor allem um Recycling von bereits vorhandenem Material, das sonst weggeschmissen wird. Davon gibt es genug und wir sollten nicht noch mehr produzieren. Bei Materialien wie Gold geht es dagegen um die Arbeitsbedingungen in Minen und Armutsbekämpfung im globalen Süden.

Autor Felix Strohbach mit seinem eigenen Fairphone 3
2020 habe ich mir selbst ein Fairphone 3 gekauft und es seitdem erfolgreich an Freunde und Familie weiterempfohlen. © Ruth de Carné

Wie geht ihr zum Beispiel bei Gold vor?

Eva Gouwens: Erst schauen wir uns an, wo es herkommt und was dabei schiefläuft. Beim Abbau werden Ökosysteme zerstört, die Arbeitsbedingungen vor Ort sind sehr schlecht und auch Kinderarbeit gehört oft dazu. In diesem Fall haben wir uns mit den NGOs Solidaridad und Fairtrade zusammengetan, um Minen zu finden, mit denen wir zusammenarbeiten können. Als nächstes haben wir dann andere Zulieferer davon überzeugt, das Gold für ihre Produktion aus diesen Minen zu nehmen. Bei rohen Materialien beginnen wir immer bei der Quelle und arbeiten uns dann Schritt für Schritt durch die Lieferkette. Beim Thema Arbeitslohn machen wir es genau andersherum. Zuerst erhöhen wir den Arbeitslohn in unseren Montagestandorten auf ein mindestens Existenz sicherndes Niveau und im nächsten Schritt holen wir die Zulieferer an Bord und versuchen sie davon zu überzeugen dasselbe zu tun.

Faire Lieferketten überprüfen

Könnt ihr überprüfen, wie es dann tatsächlich vor Ort aussieht?

Eva Gouwens: Bei den bereits erwähnten 14 Materialien haben wir einen direkten Kontakt und wissen das. Einige der Produktionsstandorte besuchen wir sogar selbst. Ich habe mir zum Beispiel sowohl die Gold- als auch die Kobaltminen schon persönlich angesehen. Das ist wichtig, um zu verstehen wie die Realität vor Ort aussieht und was wir dort verbessern müssen und können.

Moderne Elektroautos beinhalten heute viele ähnliche Komponenten, die wir auch in Smartphones finden. Zum Beispiel Touchscreens, Kameras und Akkus. Wann wird es ein Elektroauto von Fairphone geben?

Eva Gouwens: Ich habe schon fast darauf gewartet, dass Du diese Frage stellst. (lacht) Ich mag ambitionierte Ziele, aber das wird noch einige Zeit dauern. Ich gebe Dir trotzdem Recht, es gibt mittlerweile einige Überschneidungen mit der Autoindustrie und ich hoffe, dass wir auch dort eine Quelle der Inspiration sein können. Ich glaube zwar, dass bei Elektroautos heute schon deutlich mehr auf eine umweltfreundliche Herstellung geachtet wird als bei Verbrennern, aber gerade bei den Materialien für die Elektronik und die Akkus gibt es wahrscheinlich noch viel Verbesserungspotenzial. Noch sind wir leider zu klein, um selbst ein Elektroauto zu entwickeln.

Das komplette Interview findet ihr in der arrive-Ausgabe 02 2023. Zum kostenlosen Probeabo!

Im Heft beantwortet Eva Gouwens weitere Fragen. Zum Beispiel:

  • Wie sehen die Arbeitsbedingungen vor Ort aus?
  • Welche Tipps gibt es für andere Unternehmen, die denselben Weg wie Fairphone einschlagen wollen?
  • Wie viel mehr kosten die fairen Lieferketten?
  • Welche politischen Maßnahmen wären hilfreich?
cover der arrive-Ausgabe 02 2023
Die arrive Ausgabe 02 2023 mit dem Titelthema "Der Elektro-Boom geht weiter"
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