© Felix Strohbach

Mit einer leisen Vespa durch Italien

Verchromte Seitenspiegel und ein großer runder Scheinwerfer: Die Vespa Elettrica bleibt dieser Linie treu, verzichtet aber auf den Gestank von verbranntem Öl und das laute Knattern eines Zweitakters.

Mit einem Löffelchen rühre ich in der Schaumkrone meines Cappuccino. Die Morgensonne taucht die Piazza Walther in warmes Licht und ich versuche diesen Moment italienisches Lebensgefühl festzuhalten. Der Roller-Hersteller Piaggio verkörpert dieses Lebensgefühl seit mehr als einem halben Jahrhundert. Vor über 70 Jahren war die Vespa ein billiges Alltagsfahrzeug auf Schubkarrenreifen, das ist sie heute nicht mehr.

Heute zeigt ein großer Farbdisplay die Geschwindigkeit. © Felix Strohbach

Von Bozen nach Meran

Knapp 30 Kilometer Landstraße liegen vor uns. Der Akku ist geladen und das digitale Display zeigt 77 Kilometer Reichweite, das sollten wir ohne Probleme schaffen.

Vorsichtig drehe ich den Griff nach hinten bis die Vespa einen Satz nach vorne macht. Nachdem meine Füße wieder sicher stehen, setzt sich meine Begleitung hinter mich. Wir haben auch zu zweit bequem auf der Sitzfläche Platz. Die Beschleunigung der Vespa bleibt die ganze Fahrt über sportlich, die Reichweite sinkt durch diese Fahrweise etwas schneller als erwartet. Auf der kurvigen Landstraße fühlt sich die Vespa stabil und sicher an, streckenweise geht es bergauf. Bergab rekuperiert die Vespa mit einem zweistufigen Kinetic Energy Recovery System und lädt dabei den Akku.

Während wir innerorts ohne Probleme im Verkehr mitschwimmen, werden wir über Land ein paar mal knapp überholt. Mit angezeigten 49 kmh ziehen wir nur an einem Rennradfahrer vorbei.

Leises Surren statt lautes Knattern. © Felix Strohbach

Im Stadtverkehr

Nach vierzig Minuten erreichen wir das Ortsschild mit 53 Kilometern Restreichweite. Der Rückweg sollte kein Problem werden. Mit sicherem Gefühl schlängeln wir uns durch den Stadtverkehr, durchfahren historische Torbögen und erkunden Meran bequem vom Roller aus.

Immer wieder drehe ich den Griff kurz bis zum Anschlag nach hinten und genieße die satte Beschleunigung. Wir sprechen über mögliche Cafés am Straßenrand, ohne das wir gegen einen knatternden Zweitakt-Motor anschreien müssen. (Kein Vergleich zu dem lauten Roller, den ich mit 16 hatte.) Durch die Kreisverkehre, Fußgängerzonen und Einbahnstraßen zirkulieren wir mehrmals um das Stadtzentrum, bis wir einen Parkplatz finden.

Lautlos gleiten wir auf den Bürgersteig und reihen uns zu den anderen Zweirädern. Ein vorbei schlenderndes Paar bleibt abrupt stehen. Sie begutachten die Vespa: „È elettrico?“, fragt der Mann. „Si, è la Vespa Elettrica.“, antworte ich. Mit hochgezogenen Augenbrauen schauen sie einander an und und nicken uns zu. Mit Schwung bocke ich die 130 Kilogramm schwere E-Vespa auf und lasse die Lenkradsperre einrasten. Ein Helm passt unter den Sitz, den zweiten müssen wir mitnehmen. Zeit für eine Espresso-Pause in der Sonne.

Nur wer genau hinschaut bemerkt die fehlende Abgasanlage. © Felix Strohbach

Zurück nach Bozen

Bevor wir gestärkt den Rückweg antreten, versuche ich mein Smartphone mit der Vespa zu verbinden. Leider muss ich mir dafür erst die zugehörige App herunterladen und mich registrieren, um dann festzustellen, dass mir für das Bluetooth-Kommunikations-System der passende Helm fehlt. Über die App lassen sich auch ohne Helm Nachrichten auf das Vespa-Display übertragen, die Parkposition anzeigen und aktuelle Fahrzeugdaten speichern.

Ich drehe den Schlüssel um und schalte in den Rückwärtsgang. Ein Piep-Signal ertönt und wiederholt sich im Zwei-Sekunden-Takt. Die sonst so leise Vespa hat sich kurzzeitig in einen LKW verwandelt. Peinlich berührt rolle ich rückwärts und wechsel sofort zurück in den Vorwärtsgang.

Trotz genügend Reichweite wähle ich den Modus „ECO“. Die Beschleunigung ist jetzt sanfter und bei angezeigten 34 kmh ist Schluss. Für den zähflüssigen Verkehr in der Innenstadt reicht das gerade aus. Sobald der Verkehr wieder rollt schalte ich zurück in den Modus „POWER“. Richtung Bozen geht es leicht bergab. Wir fahren an Tankstellen mit teuren Benzinpreisen vorbei und erreichen etwa eine halbe Stunde später das Ortsschild von Bozen.

Nach ein paar Runden durch die Stadt leuchtet ein gelbes Akku-Symbol auf. 14 Kilometer Reichweite haben wir noch, als wir die Vespa vor dem Haus parken.

Die fest verbauten Akkus sind ein Nachteil. © Felix Strohbach

Vorwärts schieben, Lenker eindrehen und rückwärts schieben. Und nochmal. Nach ein paar Anläufen steht die Vespa rückwärts an einem Fenster. Ich entriegele das Sitzpolster und klappe es nach vorne. Die Akkus sind fest in der Vespa verbaut und das Kabel ist zwei Meter kurz. Ich ziehe es so weit wie möglich heraus und reiche es durch das offene Fenster.

Mit einer Mehrfachsteckdose überbrücken wir den Abstand zur nächstgelegenen Steckdose. Schalter an und der Ladevorgang beginnt. Das Sitzpolster lässt sich dank einer kleinen Aussparung für das Kabel wieder schließen, das Fenster muss geöffnet bleiben. Fast vier Stunden später ist das Zimmer durchgelüftet und die Vespa geladen. (Auch interessant: Der Twizy braucht nur etwa drei Stunden zur Vollladung.)

Drei Tage bin ich mit der Vespa Elettrica durch Südtirol gefahren. © Ruth de Carné

Fazit

Die Beschleunigung fühlt sich kraftvoll an und zwei Personen trägt die Vespa über 70 Kilometer weit. Für den täglichen Gebrauch wären herausnehmbare Akkus deutlich sinnvoller, nicht jeder hat eine Außensteckdose oder kann sein Fenster mehrere Stunden offen stehen lassen. Die Vespa Elettrica ist hochwertig verarbeitet und strahlt Komfort und Luxus aus. Mindestens 6.390 Euro kostet das leise, italienische Lebensgefühl. Ein Cappuccino an der Piazza Walther in Bozen kostet 2,90 Euro und Sonne gibt es kostenlos dazu.

Share on facebook
Share on twitter
Share on email
Share on telegram
Share on whatsapp
Im Alltag

Zwischen den Gleisen

Erst die Autos und dann alle anderen. Während der Corona-Pandemie wird einmal mehr klar, für wen unsere Städte gebaut sind.

Im Urlaub

Schwerelos durch Barcelona

Leise durch die Hauptstadt Kataloniens mit einem Roller, der mir nicht gehört. Ein legales Vergnügen ohne lokalen CO²-Ausstoß.

Am Wochenende

Ein Morgen ohne Donner

Warmes Licht dringt durch die Gardinen und eine frische Brise weht durch die offene Balkontür. Normalerweise werde ich jeden Tag vom Donnern des ersten Flugzeugs

Im Alltag

Plötzliche Verkehrswende

Berlin, Brüssel und Bogota haben in Zeiten von Corona etwas gemeinsam: In allen drei Städten haben FußgängerInnen und FahrradfahrerInnen plötzlich mehr Platz bekommen. In den Städten hat eine globale Verkehrswende begonnen.

Am Wochenende

Kostenlos mit dem Lastenrad durch Innsbruck

Schwere Blumentöpfe oder ausgewachsene Hunde transportieren. Ohne Auto klingt das anstrengend. In Innsbruck kann man sich deshalb kostenlos ein Lastenrad leihen.

Im Alltag

Die Zukunft der öffentlichen Verkehrsmittel

Jedes Jahr fahren mehr Menschen mit Bus und Bahn. 2019 lag der neue Spitzenwert bei 11,6 Milliarden Fahrten in Deutschland. Seit Corona ist alles anders.