Fahrradweg zwischen den Schienen der Straßenbahn
© Felix Strohbach

Zwischen den Gleisen

Erst die Autos und dann alle anderen. Während der Corona-Pandemie wird einmal mehr klar, für wen unsere Städte gebaut sind.

Fünf Meter Asphalt liegen zwischen mir und meinem Ziel. Bitte warten steht an der Ampel. Ungeduldig schlurfe ich einen Schritt nach vorne. Die Kieselsteine knirschen unter meinen Fußsohlen. Alle vier Fahrstreifen sind leer gefegt und ich warte auf die Erlaubnis die Straße zu überqueren.

Rote Fußgängerampel
Bitte warten. Auch wenn kein Auto kommt. © Felix Strohbach

Eine Stadt für Autos

Ich stehe an einer Hauptstraße in Innsbruck, es ist kein Auto zu sehen und ich bettle die Ampel an grün zu werden. In der Ruhe der Corona-Maßnahmen wird mir die Hierarchie in dieser Stadt einmal mehr bewusst. Ganz oben fahren die Autos, ganz unten stehen die Fußgänger. (Auch am Himmel ist es ruhig geworden: Ein Morgen ohne Donner)

Wer die Stadt aus der Perspektive von FußgängerInnen und RadfahrerInnen sieht, merkt schnell, was an unserem Mobilitätssystem verändert werden muss. Die heutigen Ampeln begünstigen die Nutzung von Autos. Auch wenn kein Auto in der Nähe ist, müssen Fußgänger betteln, um die Straße zu überqueren. In einer Stadt, die für Menschen statt für Autos gestaltet ist, wäre das genau umgekehrt.

Fahrrad vs. Straßenbahn

FußgängerInnen stehen am unteren, AutofahrerInnen am oberen Ende der urbanen Rangordnung. Fahrräder liegen irgendwo zwischen den Gleisen der Straßenbahn. Auf vielen Wegen werden öffentliche Verkehrsmittel und Fahrräder gegeneinander ausgespielt. Wer einen Fahrradweg zwischen den Gleisen der Straßenbahn plant, ist vermutlich noch nie selbst mit dem Fahrrad in der Stadt gewesen. Gleise halten nicht nur die Straßenbahn auf Spur, sondern werfen auch RadfahrerInnen aus der Bahn.

Fahrradweg zwischen den Schienen der Straßenbahn
Ein Radweg zwischen den Gleisen. © Felix Strohbach

Hinter mir hupt ein Auto und vor mir öffnet sich die Fahrertür eines SUV. Mit einem Schlenker nach links weiche ich der Tür aus und ziehe sofort wieder nach rechts. Das hupende Auto überholt mich von links. Während ich noch die drohenden Gesten des Autofahrers im Augenwinkel sehe, schlägt mein Lenker bereits auf dem Asphalt auf.

Mein Vorderreifen hat sich in die Gleise der Straßenbahn eingefädelt. Ich habe vergessen die Gleise im Auge zu behalten, während ich den Autos ausgewichen bin. Meine Reifen sind, wie die meisten Fahrradreifen, dünner als die Spurrillen. Bei diesem Sturz bin ich mit einem blutigen Knie davon gekommen, auf so viel Glück kann ich nicht immer vertrauen.

Nachhaltige Lösungen

Es gibt einen sogenannten Veloschutz für Gleise. Das sind spezielle Gummieinlagen, die nur unter dem Gewicht der Straßenbahn nachgeben. Leider nutzt sich der Veloschutz sehr schnell ab. Die Rückstände liegen dann als Krümel auf der gesamten Straße verteilt und werden zur nächsten Gefahrenquelle. Hinzu kommt, dass der Veloschutz teuer ist und nicht auf allen Gleisen funktioniert.

Rennrad vor Hauswand und ein vorbeilaufender Mensch im Anschnitt
Fahrräder und FußgängerInnen dürfen sich nicht gegenseitig behindern. © Felix Strohbach

Bei meinem Sturz waren die Gleise nur ein Teil des Problems. Auch ein flächendeckender Veloschutz würde das Kernproblem in unseren Städten nicht lösen: „Es gibt zu viel Platz für Autos und zu wenig Platz für alle anderen.“, sagt Anika Meenken. Sie ist Sprecherin für Radverkehr und Mobilitätsbildung beim Verkehrsclub Deutschland (VCD). Ich habe mit ihr für GQ Germany über die umstrittenen E-Tretroller gesprochen. Revolution oder Invasion der E-Scooter? Darauf müssen sich Städte jetzt gefasst machen!

Für Anika Meenken und den VCD ist es wichtig, dass die nachhaltigeren Fortbewegungsmittel nicht gegeneinander ausgespielt werden. FußgängerInnen, Fahrräder und öffentliche Verkehrsmittel dürfen sich nicht gegenseitig behindern, während Autos weiterhin den meisten Platz in unseren Städten einnehmen.

Positive Beispiele

Gerade in Zeiten hoher Ansteckungsgefahr sind Fahrräder, E-Bikes, Pedelecs und E-Tretroller eine sinnvolle Alternative zu den überfüllten U-Bahnen und Bussen. In New York wurden deshalb inmitten der Corona-Pandemie mehr von diesen alternativen Fahrzeugen erlaubt. (Quelle: electrive.net)

Kopenhagen gilt schon länger als das Paradebeispiel einer Fahrradstadt. Die Stadt wurde seit 2011 so umgestaltet, dass mittlerweile 30 Prozent der Strecken innerhalb der Stadt mit dem Fahrrad zurückgelegt werden und 97 Prozent der RadfahrerInnen mit den Radwegen zufrieden sind. (Quelle: nationale-radverkerhsplan.de)

In vielen europäischen Städten gibt es Begegnungszonen, in denen Tempolimit 20 gilt. FußgängerInnen haben in diesen Zonen Vorrang vor Fahrzeugen.  Im westfälischen Münster gibt es Fahrradstraßen, auf denen Autos nur geduldet sind. (Quelle: stadt-muenster.de) Und in Wien werden Parkplätze in Oasen verwandelt, sogenannte Grätzloasen.

Ein kleiner Garten mit Bänken zwischen parkenden Autos in Wien
Auf zwei Parkplätzen in Wien ist hier eine Oase entstanden. © Tim Dornaus

Bitte mehr davon!

Von diesen Beispielen können wir uns inspirieren lassen, denn davon brauchen wir mehr. Damit unsere Städte wieder mehr Platz für Menschen bieten statt für Autos.

Der deutsche Verein Changing Cities setzt sich genau dafür ein. Er fordert eine sichere und ansteckungsfreie Mobilität und hat dazu eine Petition gestartet. Die Petition für #FaireStraßen.

 

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