Schwarzer Tesla auf einer Bergstraße aus fahrendem Auto fotografiert.
© Felix Strohbach

Leise durch die Dolomiten

Es duftet nach Kornblumen und Pfefferminze. Die Sonne strahlt und das sanfte Rauschen des Bergbachs schluckt das Surren des Verkehrs. Eine elektrische Kapsel gleitet an einer Fahrrad-Kolonne vorbei, während am Wegesrand Rehe grasen. Die leuchtenden Schilder großer Öl-Konzerne sind aus dem gesamten Gebiet der Dolomiten verschwunden. Verloren geglaubte heimische Tierarten sind zurückgekehrt. Endlich steht der Erhalt dieser einzigartigen Landschaft im Vordergrund und die Dolomiten werden ihrer Bedeutung als UNESCO Weltkulturerbe gerecht.

So oder so ähnlich stellt sich der Organisator Daniel Campisi die Zukunft der Dolomiten vor. Gemeinsam mit Maximilian Costa und Janpaul Clara hat er vor über zehn Jahren das Event ECOdolomites ins Leben gerufen. Ihre Vision: „Wir wollen Täler und Berge ohne Abgase und Lärm.“ Die Elektromobilität vereint für die drei Gründer des Vereins ECOmove umweltfreundliche Verantwortung und Fahrvergnügen. Auf den Fahrten über die Passstraßen der Dolomiten erleben die Teilnehmer mit ihren Elektrofahrzeugen die Schönheit dieser einzigartigen Landschaft und zeigen gleichzeitig allen anderen wie angenehm es in den Bergen ohne Lärm und Abgase sein könnte.

Tesla M3 und Smart electric beim Laden
Alle Fahrzeuge wurden über Nacht aufgeladen. © Felix Strohbach

Geladen und bereit

Während die Sonne langsam über die Berggipfel klettert und der morgendliche Tau an den Fenstern der Fahrzeuge herunter rinnt, sammeln sich die TeilnehmerInnen für die 10te Ausgabe der ECOdolomites. Auf dem Parkplatz vor der Seilbahnstation in St. Ulrich werden die letzten Prozente in die Akkus geladen, Frontscheiben poliert und Aufkleber angebracht. Heute findet die erste Rundfahrt statt. Organisator Daniel Campisi gibt der Gruppe letzte Streckenhinweise, bevor die Kolonne leise los rollt. Über das Sellajoch und das Prodoijoch geht es in den Wintersport-Ort Cortina und dann weiter zum Toblacher See. Insgesamt sollen heute 218 Kilometer zurückgelegt und ein Höhenunterschied von fast 6.000 Metern überwunden werden. Mit einem Tesla, einem BMW i3 oder einer ZOE sollte das locker möglich sein. Für das TWIKE, den Smart electric und die MIA wird es nicht so leicht.

Geschmeidig gleitet das weiße Model 3 Performance um die Kurven. Christoph Rier ist begeistert. Dank Spurhalte- und Abstandshalte-Assistent bleibt trotz der kurvigen Strecke genügend Zeit um aus dem Fenster zu schauen. Die Sicht ist klar und die Sonne zeichnet kräftige Kontraste in die Felswände am Prodoijoch. Bei einer kurzen Foto-Pause tauschen die TeilnehmerInnen ihre Erfahrungen aus. Vor allem die Gruppe E-Motorradfahrer sorgt bei dieser Pause für Aufmerksamkeit. Leise rauschen sie an ihren knatternden Kollegen vorbei. Sie genießen das Fahrgefühl ohne mit ohrenbetäubenden Lärm Menschen und Wildtiere zu verschrecken. (Wie sich ein elektrisches Motorrad fährt lest Ihr hier: Ein Recht auf Lärm?)

Hinterreifen von E-Motorrädern
Nicht nur geparkt sind diese Motorräder leise. © Felix Strohbach

Pause am Toblacher See

Nach dem Falzaregopass geht es weiter nach Cortina, wo Jürgen Fuchs seine MIA zwischen laden möchte. Mit einer Rest-Reichweite von knapp über 40 Kilometer könnte es sonst eng werden. Leider ist die einzige auffindbare Ladestation außer Betrieb. Während die anderen Teilnehmer gemächlich am Toblacher See zum Mittagessen eintrudeln, sucht er weiter nach Ladestationen. Zum Glück geht es die meiste Zeit bergab.

„Früher war das ganz normal, dass es mal eng wird.“ Christine und Robert Kreipl erinnern sich zurück an ihre Abenteuer mit dem TWIKE. „Wir mussten dann halt zu Privatpersonen fahren und nach Strom fragen.“ (Mehr über die Abenteuer von Robert Kreipl steht in diesem Beitrag: Reisen mit dem Twike) Heute fahren die beiden mit einem BMW i3, Reichweiten-Angst haben sie damit nicht mehr. Die anderen am Tisch lauschen den Geschichten der Kreipls mit Faszination. „Das sind die wirklichen Pioniere, nicht wir mit unseren Teslas.“, lacht Christoph Rier. Mit Reichweiten jenseits der 400 Kilometer sind heutige Elektroautos längst nicht mehr nur für AbenteurerInnen geeignet.

Blick auf den Toblacher See
Am Toblacher See machen alle TeilnehmerInnen Mittagspause. © Felix Strohbach

Aus der Nische in den Mainstream

Die Entwicklung der Elektromobilität spiegelt sich in den letzten zehn Jahren der ECOdolomites deutlich wieder. Vor zehn Jahren waren die dominierenden Fahrzeuge Thinks, TWIKES und Tazzaris. Weiter als 70 Kilometer durften die Etappen damals nicht sein. 2012 waren die ersten vier Wasserstoff-Autos dabei und 2014 nahm der erste elektrische Traktor teil. Heute ist vor allem ein Hersteller dominant: Tesla.

Für Michael Willberg ist sein Tesla Model X P100D nicht nur eine ökologische, sondern auch ein ökonomische Alternative zum Fliegen. Fast 160.000 Kilometer hat er in den letzten zwei Jahren damit zurückgelegt. Beruflich ist er so viel damit unterwegs, dass er sich sogar ein Bett in den Kofferraum eingebaut hat. Im März 2015 hat er mit zwei Freunden einen inoffiziellen Weltrekord mit einem Model S P85 aufgestellt: Sie legten in 48 Stunden 4.000 Kilometer zurück.

Blick aus dem Auto auf einen Tesla
Mit einem Tesla sind auch auf kurvigen Bergstraßen über 400 Kilometer möglich. © Felix Strohbach

Südtirols Voraussetzungen

In der Autonomen Provinz wird deutlich mehr Strom erzeugt als verbraucht und dafür wird nahezu CO2-neutrale Wasserkraft genutzt. Über 300 öffentliche Ladestationen und eine Förderung mit bis zu 10.000 Euro pro Fahrzeug begünstigen die Elektrifizierung zusätzlich. Südtirol könnte damit ähnlich wie Norwegen zum Vorbild für die europäischen Nachbarländer und den Rest Italiens werden. Wenn Elektroautos sogar auf steilen Bergpässen und in abgelegenen Dörfern Verbrennungsmotoren ersetzen können, dann werden sie das auch auf deutschen und österreichischen Straßen schaffen.

Kleines Elektroauto auf einer Bergstraße
Jürgen Fuchs kommt mit seiner MIA etwa 200 Kilometer weit. © Felix Strohbach

Unterschiedliche Reichweiten

Fast eine Stunde später als geplant stößt Jürgen Fuchs zum Rest der Gruppe. Seine MIA steht zum Laden in Toblach und er sitzt endlich bei den anderen am Tisch und erzählt von seinem Abenteuer. Er war kurz davor bei Privatpersonen zu klingeln und nach einer Steckdose zu fragen. Mit maximal 30 km/h ist er den letzten Pass hinunter gerollt. Während er noch auf sein Mittagessen wartet, brechen am Nachbartisch die ersten Tesla-Fahrer Richtung Bruneck auf. Er und seine MIA sind eine der letzten Erinnerungen an die Anfänge der Elektromobilität, die sich im letzten Jahrzehnt zu einer massentauglichen Technologie entwickelt hat.

Tesla auf einer Bergstraße
Bergab gewinnen Elektroautos elektrische Energie zurück. © Felix Strohbach

Elektroautos als Kompromiss

Seit 2009 ist die Teilnehmerzahl und die Reichweite der Fahrzeuge deutlich gestiegen, abseits der Veranstaltung hat sich wenig getan. Noch immer hallt das Geknatter der Motorräder durch die Täler der Dolomiten und noch immer verstopfen Tausende Fahrzeuge die Passstraßen. Eine Maut könnte die Zahl der Fahrzeuge reduzieren und Sperrungen einzelner Straßen könnten die Umwelt entlasten. Hotelbesitzer und Restaurantbetreiber fürchten dadurch einen Einbruch der Touristenzahlen und versuchen das mit aller Kraft zu verhindern.

Mobilität mit weniger Lärm und weniger Schadstoffen wird in jedem Fall ein Teil der Strategie sein. Die ECOdolomites zeigen seit zehn Jahren, was mit Elektroautos in den Dolomiten möglich ist, ohne Sperrungen und ohne Maut.

Info: Trotz Corona finden die ECOdolomites auch dieses Jahr statt. Mehr Informationen zur Veranstaltung: ecodolomites.com

Disclaimer: Als Journalist durfte ich einen Tag bei den ECOdolomites 2019 in verschiedenen Fahrzeugen mitfahren. Die Veranstalter hatten keinen Einfluss auf diesen Text.

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